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Medien Monitor

Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus




DruckenBeim Kollegen abgeguckt

Keine gute Idee für ein Thema? Keine Zeit für eine eigene Recherche? Für Deutschlands Journalisten lautet die Lösung des Problems einer Studie zufolge nicht selten: Einfach mal im Internet gucken, was der Kollege so geschrieben hat…

Studien, die sich mit den Beziehungsgewohnheiten der Menschen beschäftigen, sind ein gefundenes Fressen für jedes Boulevard-Format. Besonders, wenn sie scheinbar so skandalöse Ergebnisse liefern wie die des Paartherapeuten Ragnar Beer. 49 Prozent der Männer, aber 55 Prozent der Frauen hätten schon mal eine Affäre gehabt, las, sah und hörte man nach Veröffentlichung der Studie allerorten. Wer das zuerst verkündet hatte, sei dahingestellt – jedenfalls zogen alle fröhlich nach. Bis die Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterSüddeutsche Zeitung auf die geniale Idee kam, den Autor der Studie persönlich zu befragen. Und der stellte klar: "An unserer Studie nahmen ausschließlich Untreue teil. Davon sind 55 Prozent Frauen, 45 Prozent Männer. Mit dem Anteil der Untreuen in der Gesamtbevölkerung hat das nichts zu tun."

 

Kaum Zeit für Nachrecherche

Marcel Machill zeigt in seiner Studie, dass das Internet sich nicht selten negativ auf Recherchegewohnheiten auswirkt.

Da hatten die Redakteure offensichtlich ein Missverständnis voneinander abgeschaut. Ein gängiges Phänomen? Eine Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterStudie der Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterLeipziger Autoren Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker mit dem Titel "Journalistische Recherche im Internet" zeigt, dass die Texte der Kollegen beliebte Recherchehilfen sind. "Computergestützte Recherche macht es den Medienschaffenden noch einfacher, schnell nachzuschauen, was die Kollegen zu einem aktuellen Thema erarbeitet haben," sagt Marcel Machill. Er und seine Co-Autoren hatten 235 Journalisten unterschiedlichster Medien einen Tag lang bei der Arbeit beobachtet.

 

Die Studie

 

Die Studie "Journalistische Recherche im Internet" wurde durchgeführt von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker vom Lehrstuhl für Journalistik II an der Universität Leipzig. Ziel der Studie war es, herauszufinden, wie das Internet die Recherchegewohnheiten der Journalisten verändert. Hierzu wurden bundesweit 235 Journalisten aus den Bereichen Print, Online und Rundfunk bei der Arbeit beobachtet. Zusätzlich wurden 600 Journalisten schriftlich zu ihren Recherchegewohnheiten und ihrem Umgang mit Suchmaschinen befragt. Vorgestellt wurde die Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) am 23. Juni im Rahmen einer Fachtagung in Berlin.


Die Überprüfung der Quellen spielte dabei in den meisten Redaktionen nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie hat einen verschwindend geringen Anteil von 8 Prozent am journalistischen Arbeitsprozess. Man übernimmt stattdessen die Fakten, die andere recherchiert haben. Als wichtigste Online-Angebote neben Google und Wikipedia gaben die befragten Journalisten Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterSpiegel Online (53,4%), Öffnet einen externen Link in einem neuen Fenstersueddeutsche.de (9,8%), Öffnet einen externen Link in einem neuen Fenstertagesschau.de (9,5%) und Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterbild.de (9,5%) an. Primärquellen wie die Seiten von Parteien, Organisationen oder Ministerien spielten dagegen kaum eine Rolle. Norbert Schneider, Leiter der Landesanstalt für Medien NRW, sieht hierbei vor allem das Problem der journalistischen Selbstreferenzialität. "Hier lauert durch die schleichende Virtualisierung der Realität so etwas wie der publizistische Wärmetod. Ein unendliches Wir über uns." Anders ausgedrückt: Berichtet wird, worüber andere bereits berichtet haben. Neue Themen werden leicht übersehen.

 

"Ich kenn nur Google."

LfM-Direktor Norbert Schneider (links) mit Thomas Leif vom Netzwerk Recherche.

Ein weiterer Trend innerhalb der Redaktionen ist die zunehmende Nutzung computergestützter Recherchemittel. 47 Prozent der Recherche läuft inzwischen über E-Mails, Suchmaschinen und Webkataloge und redaktionelle Websites. Wichtigstes Recherchemittel bleibt zwar nach wie vor das Telefon. Aber die Verlockungen des Internets sind groß. Schließlich findet man nirgendwo so schnell so viele Informationen wie im Netz. Beliebteste Suchhilfe ist dabei auch in den Redaktionen Google. Warum? "Ich kenn nur Google!" sagt ein Lokaljournalist. Und auch die Autoren der Studie stellen fest: "Die Googlisierung der Suchmaschinenrecherche ist Realität." 39,4 % aller Befragten nutzen überhaupt keine andere Suchmaschine.


Aber gerade Suchmaschinen wie Google haben ihre Tücken. Was nicht unter den ersten zehn Einträgen erscheint, findet in der Regel wenig Beachtung. So entsteht oft ein verzerrtes Bild der wirklichen Relevanz. Die Redakteure sind sich dieser Probleme bewusst, greifen aber trotzdem auf den Marktführer zurück, statt alternativ in Eigeninitiative unabhängige Quellen zu recherchieren. "Der Komfort, den die Schnelligkeit und Fülle bieten, wird dankbar angenommen, zumal die Zeit immer knapper wird, in der etwas produziert werden muss, und die Zahl der Kollegen ebenfalls, die man fragen könnte", so Schneider. Personalabbau und daraus resultierender Zeitmangel stellen im redaktionellen Alltag zunehmend ein Problem dar. Dem Journalismusforscher Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterSiegfried Weischenberg zufolge ist die Zeit, die Journalisten täglich zur Recherche zur Verfügung steht, von 140 Minuten im Jahre 1993 auf 117 Minuten im Jahre 2005 gesunken. Da scheint es wenig verwunderlich, dass Journalisten auf Vorgefertigtes zurückgreifen – Pressemeldungen, Agenturnachrichten oder eben den unendlichen Inhaltsreichtum des Netzes.

Informationen richtig filtern

Früher in der Schule bekam noch richtig Ärger, wer beim Abgucken erwischt wurde.

Hier ist es von zunehmender Bedeutung, nicht nur Informationen zu finden, sondern herausfiltern zu können, was davon tatsächlich wichtig und richtig ist. Das gelingt der Studie zufolge vor allem jenen Journalisten mit mehr Berufserfahrung. Sie schneiden auch bei der Benutzung von Suchmaschinen besser ab als ihre jüngeren Kollegen. Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehjournalist: "Auch langjährige Berufserfahrung spielt eine Rolle. Natürlich nicht in der Form, dass man sich für seinen eigenen Papst hält. Aber man hat ein gewisses Gespür dafür, dass manche Sachen einfach nicht plausibel sind."
Die Autoren der Studie empfehlen, sich nicht nur auf sein eigenes Gespür zu verlassen, sondern den Beruf des Dokumentationsjournalisten in Deutschland zu fördern. Gerade im englischsprachigen Raum sind diese Öffnet einen externen Link in einem neuen Fenster"fact-checkers" Standard in vielen Redaktionen. Ihre Aufgabe ist es, die von ihren Kollegen recherchierten Fakten auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Darüber hinaus sollen Journalisten nach Ansicht der Studienautoren besser in der Online-Recherche geschult werden. Eine Lösung für das Zeit- und Personalproblem haben sie aber auch nicht.

Wie wichtig es ist, trotz redaktioneller Engpässe seriös zu berichten und ausführlich zu recherchieren, fasst Schneider wie folgt zusammen: "Die Medienunternehmen müssen ein hohes Eigeninteresse daran haben, dass ihre Nachrichten sauber recherchiert sind – auch wenn sie auf Online-Recherchen beruhen. Schließlich geht es hier um ein hohes Gut der Medien: Nämlich ihre Glaubwürdigkeit, die man in der Regel nur einmal verlieren kann." Dieses Zitat findet sich in der Presseerklärung der LfM. Es findet sich übrigens auch in jedem Online-Artikel zu dieser Studie. Zusammen mit ganzen Passagen aus der Presseerklärung. Nur die wenigsten Anbieter haben sich die Mühe gemacht, noch ein paar eigene Formulierungen einfließen zu lassen oder ein paar Zahlen aus der Studienzusammenfassung wiederzugeben. Ob sie nun aus der Presseerklärung oder voneinander abgeschrieben haben – das Copy-Paste-System, das die Studie bemängelt, hätten sie nicht anschaulicher illustrieren können.

 

 

Text: Nora Schlüter

Fotos: Landesanstalt für Medien NRW/Peter Himsel, flickr.com/Micheo

Teaserbild: Titelbild des Studienberichts

 

 

 

Erstellt am: 03.07.2008, 19:44 Uhr

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