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DruckenBZ: Haussegen schiefer denn je

Sparmaßnahmen, Kündigungen, Abo-Einbrüche, Klagen gegen den eigenen Chefredakteur und Stasi-Affären. Die vergangenen zwei Jahre der Berliner Zeitung gleichen einer Seifenoper und zeigen die Abgründe heutiger Medienwirtschaft. Jetzt drohen sogar Streiks.

Private Equity (Privates Beteiligungskapital) nennen es die einen, "Heuschreckenbefall" die anderen. Gemeint ist eine Form der wirtschaftlichen Übernahme, die zurzeit vielen europäischen Medienunternehmen widerfährt. Das Prinzip: Ein Fonds privater Investoren kauft günstig ein Unternehmen, da andere Medienkonzerne durch das Kartellrecht blockiert sind. Meist führt das neue Management nun harte Kostensenkungen durch – legt Redaktionen mit anderen Medien zusammen, entlässt Angestellte und schafft teure Qualitätssparten ab. Ziel sind hohe Gewinne, solange der gute Name des Mediums noch hält, oder ein guter Preis beim schnellen Wiederverkauf.

Medienunternehmen gehören zu den bevorzugten Zielen, denn sie haben wenig Konkurrenz und sind wahre Gelddruckmaschinen mit Renditen jenseits der 15 Prozent (zum Vergleich: BMW erzielt etwa 6 Prozent). 2003 übernahm self-made Milliardär Haim Saban mit seinem Unternehmen für 500 Millionen Euro die Pro7Sat.1 Media AG.

Die Berliner Zeitung stand 2005 zum Verkauf. Gruner + Jahr hatte das ehemalige SED-Blatt nach der Wende erstanden, brauchte nun jedoch Kapital zum Erwerb von Financial Times Deutschland. Die Mecom Group des Briten David Montgomery wurde zum neuen mehrheitlichen Eigner. Zu ihr gehören bereits mehrere andere Medien in Deutschland, den Niederlanden, Skandinavien und Polen. Angestellte protestierten mit Schildern, da Montgomery bereits für seine radikalen Sanierungen bekannt war – erfolglos.

Befürchtungen werden wahr

Josef Depenbrock volontierte und arbeitete zuerst bei den Westfälischen Nachrichten, danach bei Bild Hamburg und dem Boulevardblatt Berliner Kurier. Er war Chefredakteur des Kapitalanlagemagazins Cash und Geschäftsführer von TV-Today. Bei der Hamburger Morgenpost war er gleichzeitig Geschäftsführer und Chefredakteur. Depenbrock hält mehr als 25 Prozent Aktienanteile an Cash.

Im Mai 2006 bekam die BZ ohne Rücksprache mit der Redaktion einen neuen Chefredakteur vorgesetzt. Josef Depenbrock war zuvor Chefredakteur der Hamburger Morgenpost, die Mecom ebenfalls gekauft hatte. Der 46-Jährige ist bekannt für sein kaufmännisches Denken und seine Neigung zum Boulevardjournalismus. Die Redaktion reagierte mit einer Protestausgabe. Doch noch im Sommer wurde Depenbrock zudem Geschäftsführer von BZ und Morgenpost.

Seitdem hagelt es Vorwürfe von den Redakteuren. Depenbrock kümmere sich ausschließlich um Belange des Marketings und engagiere sich nicht, wie von einem Chefredakteur zu erwarten, an der kreativen Weiterentwicklung des Blattes. Seine Doppelrolle sei verheerend für die journalistische Qualität: "Wir wollen einen Chefredakteur, der die Interessen der Redaktion gegenüber dem Verlag angemessen vertritt" - und keinen, der "sich vorrangig den wirtschaftlichen Zielen des Konzerns verpflichtet fühlt", sagt Redakteurin Regine Zylka der taz. Von der Todsünde journalistischer Arbeit, dem Vermischen von redaktionellem Teil und Werbung, berichtet Redakteursvertreter Thomas Rogalla in Focus Online.

Nie hat Depenbrock wirklich verborgen, dass er eigentlich nur die Weisungen von Montgomery ausführt. Die Zeitung sei "kein Wohlfühlverein" und er sei "nicht als Everybody’s Darling angestellt", hieß es von ihm. Erst seit 2008 zeigt sich jedoch, wie eng diese Abhängigkeit tatsächlich ist.

Aktienkurs von Mecom seit 2006
Quelle: www.finanzen.net

Im Februar verkündete Depenbrock vor der Redaktion, die von Mecom gewünschte Rendite steige 2008 von derzeit 14 auf 18 Prozent. Ende Juni wurde dann klar, wie dies erreicht werden soll: Fast ein Drittel der Stellen bei der BZ werden gestrichen. Sicherlich nicht zufällig braucht Mecom gerade dringend Geld. Die allgemeine Kreditkrise traf Investorfonds wie Mecom besonders hart und schickte die Aktie in den Keller. Anschuldigungen, es gehe Montgomery ausschließlich um kurzfristige Renditeziele, weißt Depenbrock jedoch weiterhin zurück. "Wir wollen die Zeitung langfristig halten", versicherte er.

Planerische Schnellschüsse

Nicht alles sollte nach der Übernahme schlechter werden. Montgomery versprach eine große Internetoffensive, in der die Redaktionen von BZ und Netzeitung (inzwischen ebenfalls Mecom) zu einem crossmedialen "Content Department" vereint werden sollten. Ein neues Redaktionssystem war ebenso geplant. Doch auch diese Vorhaben fielen kurzfristig dem Rotstift der Renditewünsche zum Opfer. "Online hat nicht mehr oberste Priorität", hieß es plötzlich von Depenbrock nur wenige Tage vor dem geplanten Umzug der Netzeitungs-Redakteure in das BZ-Gebäude.

Quelle: IVW

Nicht zum ersten Mal ist die BZ in den letzten Jahren von solch wankelmütigen Einsparvorhaben betroffen. Schon kurz nach Depenbrocks Antritt kürzte dieser die Gelder für Abonnentenmarketing um 30 Prozent und fror sie im vergangenen Sommer sogar ganz ein, um das Quartalsergebnis zu verbessern. Das Resultat: Die Abonnements gingen zurück. Seit diesem Jahr fließt wieder mehr Geld in die Abowerbung.

Stasi-Affäre als Test der Führungskraft

Denkbar ungünstig platzte im März 2008 eine Enthüllung der "Welt" in die bereits gespannte Situation. Der zuständige Redakteur für die Reportageseite, Thomas Leinkauf, hat in seiner Studentenzeit Kommilitonen für die Stasi ausspioniert und neue Spitzel angeworben. Das ist pikant, da Leinkauf heute regelmäßig Beiträge zur DDR-Vergangenheit mit deutlich positivem Unterton verantwortet. Nur wenig später gestand auch der Leiter des Politik-Ressorts, Ingo Preißler, zu DDR-Zeiten für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben.

Depenbrocks Umgang mit diesem Imageschaden enttäuschte die Redakteure erneut. Eine öffentliche Stellungnahme hätte der Chefredakteur gerne vermieden. Mit einem Einzelgespräch hinter verschlossenen Türen wollte er die Situation auf sich beruhen lassen. Erst auf Druck der Redaktion wird es jetzt doch eine Untersuchung aller Angestellten geben. Leinkauf und Preißler lassen vorerst ihre Arbeit ruhen.

"Treten Sie zurück"

Zum offenen Aufstand der Redakteure war es aber bereits im Februar gekommen. Sie schrieben zwei offene Briefe, einen an Montgomery mit der Bitte, die aktuelle Geschäftspolitik zu überdenken, und einen an Depenbrock mit der Aussage: "Wir haben das Vertrauen in Sie verloren. Treten Sie zurück." Das tat er nicht, sondern soll geantwortet haben, er brauche das Vertrauen der Redaktion nicht. Wer wolle, könne ja gehen.

Genau das taten viele der Redakteure, darunter der Vorsitzende des Redaktionsausschusses, Ewald Schulte. Mit großzügigen Abfindungen sollen Angestellte sogar zum Kündigen ermutigt worden sein. Einem Redakteur soll Depenbrock gar ins Gesicht gesagt haben, wenn dieser ginge, würde man das an der Auflage nicht merken. Das berichtete der Spiegel in dieser Woche.

Mit Unterstützung des Deutschen Journalisten-Verbandes versuchte die Redaktion seit März, gegen die Doppelfunktion ihres Chefredakteurs zu klagen. Begründung sollte eine Formulierung in dem nach Depenbrocks Ankunft verfassten Redaktionsstatut sein. Darin heißt es, die Redaktion könne "frei und unbeeinflusst unter der Verantwortung des Chefredakteurs" ihre Zeitung gestalten. Dies sah das Gericht jedoch nicht als ausreichend an und wies vergangene Woche die Klage ab.

Enttäuscht von diesem Urteil, erwägt die Gewerkschaft ver.di nach Berichten der FAZ bereits, "dem Sparkurs mit Streiks in der gesamten deutschen Mecom-Gruppe entgegen zu wirken". Zunächst könnte aber eine Berufung vor dem Landesarbeitsgericht folgen. "Die Mitarbeiter sind so geschlossen und entschlossen wie selten", sagt Thomas Rogalla. "Viele Mitarbeiter hängen an dieser Zeitung." Umgekehrt scheint das Management jedoch ebenso entschlossen, aus der ursprünglich als "deutsche Washington Post" geplanten Berliner Zeitung eine Billigproduktion zu machen. Die nächsten Monate könnten daher zur Entscheidungsschlacht werden – nicht nur für die BZ, sondern exemplarisch auch für viele andere Zeitungen in Europa, denen es im Moment ähnlich ergeht.

Text: Ralf Strobel
Bilder: Ralf Strobel, Smarthouse Media (finanzen.net)
Teaserbild: flickr / Dennis Gerbeckx

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 13.07.2008
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