Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Aufs Glatteis geführt

Sie sind der rote Faden jeder Geschichte: die Protagonisten. Kaum ein Medium könnte auf sie verzichten. Aber was, wenn Redaktionen unter Zeit- und Produktionsdruck Betrügern aufsitzen? Der Fall Polylux hat gezeigt, wie durchlässig die Medien mitunter für die Inszenierung von Schauspielern sein können.

Foto: rbb/Ziebe
Auch Moderatorin Tita von Hardenberg ließ sich von dem angeblichen Speed-Konsumenten täuschen.

Berlin. Ein übergewichtiger Amphetaminsüchtiger, der die Droge Speed konsumiert, um damit abzunehmen. Der Protagonist Tim, den das ARD-Magazin "Polylux" in der Sendung vom 10. April präsentierte, erzählte überzeugend von seiner Drogensucht und fesselte mit seiner Geschichte Publikum und Moderatorin Tita von Hardenberg. Ein einziges Schauspiel, wie sich kurz darauf herausstellte. Denn Tim war kurz nach der Sendung erneut zu sehen - auf "polylog.tv" im Internet. Hier gab er sich als Angehöriger des "Kommando Tito von Hardenberg" zu erkennen - in Anlehnung an den Namen der Moderatorin.

Offene Recherche als Einfalltor für Betrüger?

Die Erklärung für das Schauspiel bei Polylux: Er und seine Mitstreiter hätten mit dem gefälschten Interview auf schlampige Recherchemethoden im Journalismus aufmerksam machen wollen. Dabei beziehen sich die Akteure auf die Art und Weise, wie die "Polylux"-Redaktion ihre Protagonisten anwirbt: So hatte die zuständige Redakteurin über ein einschlägiges Internetforum Kontakt zu dem vermeintlich Drogensüchtigen bekommen.

Protagonistensuche per Inserat

www.flickr.com/ ktpupp
Wöchentlich ein neuer Protagonist - für die Recherche bleibt da oft nur das Netz.

"Polylux" habe im Fall der betroffenen Sendung "Volksdroge Speed" erst eine Woche vor Sendebeginn ein Gesuch im Internet platziert, berichtet der Darsteller des Drogensüchtigen, der sich weiter "Tito von Hardenberg" nennt. Kein Einzelfall, wie die Sprecherin der Gruppe kritisiert. "Polylux" habe auch Sektenaussteiger oder überforderte Studenten per Internetinserat gesucht. Diese Art der offenen Recherche sei äußerst gefährlich, so Tito von Hardenberg.

Zeitdruck und Aktualität contra Sorgfalt

Das TV-Magazin "Polylux"

"Polylux" läuft seit 1997 wöchentlich im späten Abendprogramm der ARD und wird von Tita von Hardenberg moderiert. Das Magazin richtet sich vor allem an jüngere Zuschauer. Die Beiträge behandeln gesellschaftliche Trends. In der ARD wird oft kritisiert"Polylux" bausche Randerscheinungen unverhältnismäßig auf.

Das Bekennervideo schlug hohe Wellen: In Foren und Blogs diskutierten User darüber, ob diese Art von Internetrecherche zulässig ist - und welche Alternativen es gibt. Denn, das räumte "Das Kommando Tito von Hardenberg" selbst relativ schnell ein, für ein aktuelles Trendmagazin wie "Polylux" gibt es kaum Alternativen zur interaktiven Recherche. Der wöchentliche Senderhythmus lässt nur wenig Zeit, um zum jeweiligen Trend einen passenden Protagonisten zu finden. Eine Recherche direkt in der Szene und mittels Empfehlungen Dritter ist da nur selten möglich. Ein Problem, denn mit dem Fehlen eines Informanten bricht auch eine Vertrauensinstanz weg.

Netzwerke als wichtige Vertrauensbasis

Wie ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma aussehen könnte, schildert Thomas Knüwer in seinem Blog "Indiskretion Ehrensache": Indem Journalisten ihre Recherchemethoden für das Netz fit machen, könnten sie die Recherche nach Protagonisten sicherer gestalten. Das heißt: Anstatt offen nach einem Junkie zu suchen, sollten Redaktionen sich bekannt machen und vernetzen - im Internet genauso wie im wahren Leben. Das bietet die Chance, dass User im Internet von sich aus auf die Redaktion zutreten und Kontakte zu Informanten empfehlen. Nur so können Medien es vermeiden, zu Plattformen für Selbstdarsteller und Schauspieler zu werden - wie im Falle "Tito von Hardenberg". Dieser hat sich mittlerweile bei "Polylux" für sein "grenzwertiges Handeln" entschuldigt - und zugleich die Medien vor möglichen weiteren Aktionen gewarnt.

Text: Stephanie Schnura
Fotos: rbb/Ziebe, flickr.com/ktpupp
Teaserfoto: rbb/Ernst

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 28.04.2008
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