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DruckenAmbivalenz der Wirklichkeiten

MeMo-Reporterin Aleksandra Ilina alias Memo Michalak hat eine irreale Ausstellung mit realen Fotos besucht. Zwei Wirklichkeiten sind bei dieser Fotoausstellung zusammengekommen. Im "zweiten Leben".

Memo besucht die Insel zum ersten Mal...

Die Insel. Ein Pavillon mit mehreren orangenen Anzeigetafeln. Eine schwarze Treppe, die nach oben führt - weitere Tafeln. Die Ankündigung: "Next Level im Second Life". Müde lässt sich eine junge Frau auf eine schwarze lederne Couch fallen: Der Wind ist frisch und die Sonne geht unter. Kaum einhundert Meter entfernt plätschert das Wasser im Meer. Bessere Bedingungen für eine Open-Air-Ausstellungseröffnung kann man sich nicht wünschen. Eine idyllische Insel mitten in der virtuellen Welt, denn in Second Life regnet es ja nie.

Second Life

Second Life (deutsch "zweites Leben") ist eine 3D virtuelle Welt, in der Menschen durch ihre Avatare miteinander spielen, agieren, Geld verdienen und jobben. In Second Life (SL) sind seit 2003 inzwischen 11 Millionen Menschen registriert. Second Life Teen ist auch eine 3D virtuelle Welt, die nur für Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren zugänglich ist.

Das Kinder- und Jugendfilmzentrum mit Sitz in Remscheid (KJF) zeigt in "Second Life" Impressionen digitaler Jugendkultur, so steht es zumindest in der Pressemitteilung. Jugendliche sollen motiviert werden, sich mit digitalen Phantasiewelten künstlerisch auseinander zu setzen. In Zusammenarbeit mit Metaversa e.V. wird die Fotoausstellung "Next Level 07" auch im "Teen Second Life" gezeigt.

Im Rotlicht-Viertel gelandet

Next Level
Das Projekt "Next Level" ist eine Initiative des Kinder- und Jugendfilmzentrums. Es fördert im Auftrag des Bundesjugendministeriums den kreativen Umgang mit Medien. Teilnehmen können auch im Jahr 2008 Jugendliche bis 25 Jahre, die im Fotobereich nicht beruflich arbeiten. Digitalexperimente und Bildbearbeitung wie z.B. Montagen, fotorealistische Simulationen und Animationen – erstellt mit Fotokamera, Handy oder am Computer sind zulässig. Gefragt sind Fotos zu
allen Themen und zum Sonderthema "Ganz schön alt". Einsendeschluss ist der 1. März 2008. Weitere Infos unter www.jugendfotopreis.de.

Medien-Monitor Reporterin "Memo Michalak" hat sich in Second Life eingeloggt, um mehr über die Ausstellung zu erfahren. Eine Woche hatte sie Zeit, um sich in SL zurechtzufinden - und diese Woche war alles andere als ruhig und idyllisch: Ihr erster Versuch sich an bestimmte Orte zu teleportieren, ist gründlich fehlgeschlagen. Am ersten Tag landete "Memo Michalak" aus Versehen im Rotlicht-Viertel. "Was macht ihr hier?", fragte sie naiv eine Gruppe von Frauen und Männern, die rege miteinander kommunizierten - und verschwand als sie ihre Antworten hörte.

Neue Haut, neue Frisur, neue Kleider musste sie sich besorgen. Sie wollte bei der Eröffnung der Fotoausstellung unbedingt elegant aussehen. Geld musste also her. Als Camperin hat sich Memo ein Paar Lindendollars verdient und war dann stolze Besitzerin von Kleidern, die für einen kulturellen Anlass passend sein könnten. Zusammen mit ihren goldenen Stöckelschuhen eignete sie sich einen "Female-Walk" an. Dafür hat sie 14 L-Dollar bezahlt. Jetzt ist sie endlich an Ort und Stelle.

Kein Teufel beim Interview

In ihren Erinnerungen an die erste SL-Woche versunken, hat Memo kaum gemerkt, dass ein junger Mann neben ihr steht. Er ist wie aus dem Nichts erschienen. "Zosch Zenovka" heißt er und arbeitet an verschiedenen medienpädagogischen Projekten mit Jugendlichen. Über die Fotoausstellung kann er Memo allerdings nichts erzählen, verspricht aber einen gewissen "Ziggy Moonflower" zu holen, denn der wisse Bescheid. Er betreue und gestalte die Ausstellung. Aber "Moonflower" sei gerade in TeenSL, also Second Life für Jugendliche. "Ich springe mal eben rüber und sag ihm Bescheid, vielleicht kann er ja herkommen", sagt "Zosch" und verschwindet.

Nicht mehr fähig, Reales und Unreales voneinander zu unterscheiden, bleibt Memo wieder alleine auf der schwarzen Couch sitzen und denkt nach. Dabei trennt sie sich von einem NICI-Teufelchen, ein Spielzeug, das sie in irgendeinem virtuellen Geschäft in Berlin geschenkt bekommen hat und das bisher auf ihrer Schulter saß. Der Teufel darf bei einem Interview nicht anwesend sein. Das sieht nicht seriös aus. Außerdem passt er nicht zu ihrem eleganten Auftritt. Genug überlegt, "Ziggy Moonflower" taucht endlich auf.

Kreativ in Second Life

Ziggy Moonflower erklärt, wie man mit lila Pfeilen Bilder wechselt

"Kinder und Jugendliche können in SL sehr leicht selber kreativ werden", erklärt er. Der Medienpädagoge könne Memo außerdem schon jetzt einen Blick auf die Fotos erlauben, obwohl die Ausstellung noch gar nicht eröffnet sei. Dafür solle Memo nur über die lila Pfeile klicken. Fasziniert stöckelt Memo mit ihrem "Female-Walk" zu einer Wand und schaut auf die für den Wettbewerb eingereichten Bilder: Portraits, Barbie-Bilder, Hochhäuser wechseln einander ab - und es ist schwer zu entscheiden, welches das Siegerbild werden könnte. "Ich komme morgen - um 18 Uhr zur Eröffnung wieder", verspricht sie anschließend und geht weg.

Memo ist gerade noch pünktlich angekommen

"Ich möchte im Namen des Jugendfotopreises diese Ausstellung eröffnen", begrüßt "Hon Petrov" am nächsten Tag alle Anwesenden und gibt gleich zu, er sei kein Weltmeister auf der Tastatur. Memo ist gerade noch rechtszeitig zur Eröffnung eingeflogen, sie hatte Probleme mit ihren goldenen Stöckelschuhen und dem bekloppten "Female-Walk". Wie Aschenputtel hat sie irgendwo einen Schuh verloren und konnte nur noch ungeschickt wackelig trampeln. "Viel zu peinlich", hat sie gedacht und sich kurz vor der Eröffnung ausgeloggt. Fünf Minuten später, als sie den Schuh wieder anhatte, konnte sie dann doch an der Ausstellungseröffnung teilnehmen. Und zwar mit Female -Walk.

Kein Block beim Interview

"Ich freue mich über die zahlreichen Gäste :-)", setzt "Hon Petrov", der in Wirklichkeit Jan Schmolling heißt und den Deutschen Jugendfotopreis leitet, seine Rede fort. Im Unterschied zu realen Interviews muss Memo nicht alle Anwesenden bitten, ihre Namen zu buchstabieren. Sie sind neben den jeweiligen Avataren, also virtuellen Menschen, ausgeschrieben. Auch die Gespräche muss sie nicht hastig auf ihrem Block protokollieren, um dann alle korrekt zitieren zu können. Der Chat-Verlauf wird sorgfältig gespeichert. 450 Bilder haben Jugendliche im vergangenen Jahr eingereicht. 16 davon werden prämiert. "Ambivalenz der Wirklichkeiten", wird Jan Schmolling diesen Effekt der Vermischung im späteren, diesmal realen Telefonat nennen. Heute muss er noch als "Hon Petrov" reden.

"Auf den Tafeln sind die Gewinner von 2007 zu sehen", kündet "Petrov" an. Den ersten Preis hat das Bild mit der Barbie gewonnen. Alle Gewinner haben Sachpreise bekommen. Der erste Preis war mit einer Lizenzversion Photoshop dotiert.

Einfluss der Medien

Auf Scrofulas Bildern sind ihre Freunde zu sehen

Schweigend schaut Memo sich die Bilder an. "Das mit den Hochhäusern ist aber schön", merkt sie an und lächelt. Ab jetzt kann sie die Rede des Organisators kaum verfolgen. Die Anwesenden kommunizieren rege im Voice-Chat, so dass die Reporterin ihnen nicht mehr zuhören kann. "Es wäre besser, wenn ich mir statt der blöden Stöckelschuhe mit dem peinlichen Female Walk einen Voice-Chat besorgt hätte", denkt sie und tippt immer wieder ihre Fragen. Es ist so, als ob man im echten Interview Ohrenstöpsel hätte.

Doch plötzlich kann sie mit einer Teilnehmerin kommunizieren, die auch schnell schreiben kann. "Scrofula Varriale" ist in der Realität 22 Jahre alt und eine der Preisträgerinnen. Auf ihren Fotos sind viele ihrer realen Freunde dargestellt. "Für mich sind Reihen und Konzepte wichtig", erklärt sie. "Momentan arbeite ich sehr viel in Richtung Entrealisierung unserer Welt." Dabei seien ihr Themen wie der Einfluss von Medien sowie Terrorismus und Verschwörungstheorien wichtig. "Ich glaube, durch die Medien entrücken wir dem echten Leben immer weiter", sagt "Scrofula" und nähert sich ihrem Bild. "Denn, das meiste was wir denken zu wissen, haben wir nie erlebt oder gesehen".

Rege Gespräche, schöne Bilder...

Wie im Rausch hört Memo ihrer virtuellen Gesprächspartnerin zu (oder genauer gesagt – liest im Chat-Fenster) und tippt weitere Fragen ein. Doch für die virtuelle Reporterin ist es Zeit zu gehen. Angezogen von den Fotos bleibt Memo aber noch eine Weile vor den Tafeln stehen. Alle Bilder haben etwas an sich - etwas, das Reales und Irreales verbindet und trotzdem auseinander hält. Zwei Wirklichkeiten sind fest miteinander verbunden, so dass sie nicht mehr trennbar sind. Die Bilder sind vom echten Leben nicht weit entfernt. Nein. In ihnen sind zwei Welten eins geworden. Eine Ambivalenz.

Text: Aleksandra Ilina. Fotos: Memo Michalak

Erstellt am: 21.02.2008, 15:53 Uhr
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