Aller Anfang ist schwer
Eine Fahrradreise durch die Anden ist keine Spazierfahrt. Das lernt Sixtus schnell. Doch Wind, Vulkane und Vikunas entschädigen für die Anstrengung.
Km 0, Arequipa: Sixtus sitzt endlich wieder im Sattel. Doch statt großer Freiheit ist es zunächst nur Plackerei. Denn das Fahrradfahren ist wegen der viel zu schweren Fotoausrüstung so anstrengend, dass es ihm keinen Spaß mehr macht. Und viel Energie bleibt nach der ganzen Strampelei für die Fotografie auch nicht übrig. Und die sollte auf dieser Reise im Vordergrund stehen. Doch Sixtus berappelt sich: "Das Fahrrad ist das stärkste Psychopharmakon, das ich mir vorstellen kann, es gibt kaum ein großartigeres Gefühl, als einen Kontinent aus eigener Kraft zu durchstrampeln, es ist genau das, wovon ich immer geträumt habe..."
Und wenn er schon mal dabei ist, will er gleich noch einen weit verbreiteten Irrtum klarstellen: "Vor meiner Abreise hatten mir nicht wenige Leute einen schönen Urlaub gewünscht, da ist mir immer fast der Draht aus der Mütze gesprungen, das ist kein Urlaub hier. Ich wollte mit dieser Reise die Freiheit des Reisens, des Unterwegsseins mit einem ambitionierten fotografischen Projekt verbinden."
Von wegen Urlaub (504 KB / 20 Sek)
Km 780. Als er die Grenze nach Bolivien überquert, hat er sich langsam eingefahren. Sein Ziel: die Kupferminen in Potosi. "Wenn ich keinen Helm getragen hätte, würde ich wahrscheinlich immer noch mit Kopfverband herumlaufen, so oft habe ich mir den Kopf gestoßen", erzählt Sixtus, als er wieder ans Tageslicht kommt. Die Stollen dort unten sind eng und schmal, die Luft fürchterlich, die Werkzeuge mittelalterlich: Es wird mit Hammer und Meißel heraus geklopft, was heraus zu klopfen ist. Gesprengt wird mit Dynamit, aber nicht etwa mit einem komplizierten Zündmechanismus, sondern wie im Lucky-Luke-Comic mit Zündschnur, die der Minero natürlich an der Acytelen-Lampe anzündet. Und da Dynamit teuer ist, wird dem Ganzen mit etwas Kunstdünger nachgeholfen, genau der Kunstdünger, der bei dem Attentat in Oklahoma City verwendet worden ist. Und dann schnell weglaufen.
Die Mineros sind für den Verkauf ihrer Erträge selbst verantwortlich, in der Regel kommen knapp 40 US$ im Monat zusammen, aber garantieren tut ihnen das keiner. Sixtus hadert mit sich: "Ich stehe neben einer 79 Jahre alten Frau, die sich ihren Lebensunterhalt etwa 15 - 20US$ im Monat mit dem Sortieren von Mineralien verdient, morgens ist es eisig kalt am Berg und mittags brennt mir die Sonne ein Loch durch die Netzhaut, das Licht ist so hart wie die Arbeitsbedingungen, ich möchte sie fotografieren, aber wie gehe ich auf sie zu, ohne sie zu beleidigen, ohne sie zum reinen Motiv zu entwürdigen?" Ein Lächeln hilft. Das Foto ist im Kasten.
Weiter geht es in die Salzwüste.
Text: Anne Kynast
Fotos: Sixtus Reimann



