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"Alkoholiker mit Niveau"

Rainer Müller ist gelernter Autoschlosser, vor sechs Jahren machte er seine erste Trinkhalle in Mülheim-Styrum auf. Fotos: Katharina Bons

Rainer Müller steht täglich mehr als 15 Stunden hinter der Theke seiner Trinkhalle. Er ist Kummerkasten und Kreditinstitut, seine Kunden sieht er als "Kumpels".

Von Katharina Bons

Mülheim an der Ruhr. Lässig sitzt Rainer Müller auf dem Barhocker. Mit einer Arschbacke wie man hier im Ruhrgebiet sagt. Seine Zigarette hat er abgelegt, die offene Flasche Bier steht ordentlich auf einem Bierdeckel auf der Kühltrue. Aus den Lautsprechern dudelt Schlagermusik.

"Es ist fast eine kleine Kneipe"

Der 55-Jährige ist selbstständig. Er betreibt ein begehbares Stehcafé mit Alkoholausschank - so der offizielle Titel des Gewerbeamtes. Trinkhalle sagt der Ruhrgebietler. "Es ist fast eine kleine Kneipe", findet Müller. Die kleinen Buden gehören jedenfalls zum Ruhrgebiet dazu. In vielen Vierteln gibt es sie an jeder Ecke. Mal eben noch ein paar Bonbons kaufen, die neuste Zeitschrift besorgen oder ein Bier für den Weg zur Party holen - der Kiosk macht's möglich. Jede Generation hat ihre eigene Budenvergangenheit. Die Älteren, die mittlerweile die Hörzu mitnehmen, kauften erst Leckmuscheln, dann Nappos und Rothändle. Die Jüngeren nahmen für 50 Pfennig von den Weingummi-Schnullern, die Bravo und im Sommer ein Wassereis.

Das ganze Jahr geöffnet. Kein Ruhetag.

In dem Ladenlokal des "Styrumer Treffs" war frühere eine Fahrschule. Auch Rainer Müller hat hier Autofahren gelernt.

"Es ist schon eine harte Scheiße", sagt Rainer Müller über seinen Job. Er steht jeden Morgen um 4.30 Uhr auf, geht zum Laden, nimmt die Zeitungen in Empfang, etwas später die Zigaretten, bedient die Kundschaft, geht mittags für eine Stunde nach Hause, legt sich aufs Ohr, bedient die Nachmittagskundschaft und schließt um halb zehn abends wieder zu. "Das geht sieben Tage die Woche, an 365 Tagen im Jahr so. Aber ich habe es mir ja selbst ausgesucht."

Draußen fährt ein Motorrad vor. Müller geht zum Kühlschrank, greift eine Flasche Bier, öffnet sie. Als der Mann mit der Lederjacke und den langen Haaren reinkommt, geht er kurz zu Rainer an die Theke, nimmt sein Stammbier und gesellt sich zu den anderen beiden Männern, die schon auf den Barhockern sitzen.

Müller ist in Styrum geboren, hier aufgewachsen. Das Ladenlokal hat er vor sechs Jahren zur Trinkhalle umgebaut. Früher beherbergte es eine Fahrschule. "Ich hab' hier auch noch meinen Führerschein gemacht." Müllers Wohnung liegt 150 Meter weit entfernt. "Ich will nirgendwo anders leben als hier. Ich wohn' schon seit 55 Jahren in Styrum, wenn dann komm ich mit den Füßen zuerst hier raus." Er sieht sich nicht als Ruhrgebietler. Das sei "nix gegen Essen, nix gegen Dortmund". Aber zu Mülheim da habe er nun mal einen besonderen Draht. "Ich weiß, hier gehör' ich hin."

Ein Typ, der immer etwas machen muss

Bevor Reiner Müller eine Trinkhalle eröffnete, hat er Büromöbel geschreinert.

Dass Reiner Müller durchaus mal etwas anderes gemacht hat, als Bier und Zigaretten zu verkaufen, davon zeugen die Holzwerkzeuge an der Wand. Zehn Jahre lang war er als Handwerker selbstständig, baute Büromöbel. Gelernt hat er mal Autoschlosser. Irgendwann liefen die Geschäfte nicht mehr. Nach einem Dreivierteljahr Arbeitslosigkeit habe er das Rumsitzen nicht mehr ausgehalten. "Ich hatte da keinen Bock mehr drauf. Ich musste meinen Arsch bewegen." So sei er "aus der Not" zum Trinkhallenbesitzer geworden. "Ich bin ein Typ, der immer etwas machen muss. Der immer unter Leuten sein muss."

In der einen Ecke hängt ein Spielautomat. Schon den ganzen Vormittag wirft einer der Männer Münzen in den blinkenden Kasten. Ab und zu spielt der Automat eine kleine Melodie. Ab und zu bestellt sich der Spieler ein neues Bier.

Psychofreak mit gutem Ruf

Seit er 2003 seinen ersten Kiosk an einer Hausecke gleich nebenan eröffnete, ist er immer unter Leuten. Meistens unter denselben. "90 Prozent sind Stammkunden", schätzt Rainer Müller, "Die Reihenfolge ist jeden Tag die gleiche." Morgens kommen die älteren Styrumer. "Die haben zu Hause nichts mehr zu erzählen, da bin ich hier der Psychofreak. Wenn du wüsstest, wie viele Blutwerte ich im Kopf habe." Manchmal da wisse er mehr über seine Kunden als der Ehepartner zu Hause. Dass alles, was zwischen belegten Brötchen und Zigaretten erzählt wird, unter dem Siegel der Verschwiegenheit bleibt, ist für Rainer Müller Ehrensache. "Ich hätte einen Ruf zu verlieren."

"Na, Rainer?"

"Heidi, wie geht dich dat?"

"Och, Rainer."

"Morgen in alter Frische?"

"Keine Pennerbude"

Auch der Trinkhallenbesitzer vertraut seinen Kunden. Er lässt anschreiben.

Sein Ansehen, das ist dem Mülheimer wichtig. Billig-Bier das gebe es in seiner Trinkhalle nicht. 1,30 Euro kostet die Flasche Markenbier aus dem beleuchteten Kühlschrank. "Es ist keine Penner-Bude. Ich will, dass auch Frauen hier herein kommen können." Die Herren rund um den Stehtisch mit dem mehr oder weniger gefüllten Bierflaschen und seine übrige Kundschaft bezeichnet er als "Alkoholiker mit Niveau". Er passe auf, dass keiner zuviel trinkt und sich dennoch hinters Steuer setzt. "Wenn die Jungs angetrunken sind, sag' ich: Den Schlüssel kannst du dir morgen hier abholen." Junkies, die versuchen Jeans, die sie beim nahe gelegenen Kik-Markt geklaut haben, oder gestohlene Baumaschinen von der Baustelle in der Bude zu verkaufen, schickt er weg.

Ein Relikt aus alten Kaufmanns-Zeiten

Hinter den Gläsern mit Weingummis, Cola-Krachern und essbaren Ketten hängen kleine gelbe Haftnotizen mit Vornamen und zum Teil zweistelligen Eurobeträgen. Rainer Müller lässt seine Kunden anschreiben. So wie es früher üblich war. "Es kann ja jeder Mal in die Bredde kommen von uns." Der Monat ist gerade einmal zur Hälfte herum und schon hängen fünf gelbe Zettelchen hinter dem Tresen. "Wenn ich weiß, einem geht es nicht so gut, dann vergesse ich auch schon mal ein Bier aufzuschreiben." Eher wie ein Gastgeber als ein Geschäftsmann reicht Rainer Müller seinen Stammkunden in der Trinkhalle die Bierflaschen über die Theke. Die meisten zahlen erst, wenn sie gehen.

Styrum - die Malocherstadt

Seine Kunden sind für ihn Kumpels. Auch die vierbeinigen Stammkunden wissen, dass Reiner Müller immer eine Leckerei für sie hat.

"Das sind alles meine Kumpels", sagt der Mülheimer über seine Kunden. Was er aber auch andeutet: Deutsche Kunden sind ihm lieber. Schwärmerisch erinnert er sich, wie ihm die italienischen Gastarbeiter als kleinem Jungen Spaghetti geschenkt haben, als er seinen Vater mittags von der Arbeit in der Friedrichs-Wilhelms-Hütte abgeholt hat. Doch was hat er nun gegen die Migranten aus der Türkei? "Die Italiener und die Portugiesen sind wieder abgehauen", sagt er trocken. Wenn sein Neffe zum samstäglichen Fußball-Gucken auch türkische Freunde mit in die Trinkhalle bringt, habe er aber nichts dagegen. Über ein anderes Thema kann man mit Rainer Müller nicht diskutieren, das wissen alle. "Ich habe kein Verständnis für Leute, die Hartz-IV kassieren und nix machen. Da krieg ich sonne Krawatte." Dabei sind unter seinen Kunden viele, die keinen Job haben. Einer der Gäste gibt offen zu, dass er nebenbei schwarz auf dem Bau arbeitet. "Styrum, das war mal die Malocherstadt", so der Budenbesitzer. Jetzt sind viele ohne Arbeit oder machen Minijobs.

Der Traum: Einmal ein Flippers-Konzert besuchen

Billig-Bier gibt es in Müllers Trinkhalle nicht. Auch hinter der Theke wird getrunken.

Auch über das neue Ruhrgebiet, zum Beispiel die Kulturhauptstadt, ist Rainer Müller informiert. Schließlich liest er jeden Tag die drei lokalen Zeitungen, die er selbst in seiner Bude verkauft, und die Bild-Zeitung. Er findet es gut, dass Essen den Titel im nächsten Jahr tragen wird. Aber: "Ich denke, ich hab' da nicht viel von." Was er sich gerne noch einmal ansehen will, wäre das Sealife - ein großes Aquarium am Centro in Oberhausen. Und ein Flippers-Konzert, das würde er auch gerne einmal erleben. "Es gibt so viele Sachen, die ich noch machen möchte, aber ich komm' nicht hin." Schließlich hat er eine Trinkhalle. Einfach mal zumachen, ein paar Tage frei nehmen, das kommt für ihn nicht infrage. Ein Grund ist der Verdienstausfall. Doch der zweite ist wiegt wohl schwerer: "Ich will die Kunden nicht enttäuschen."

Blogeintrag: Begegnungen bewegen

Veröffentlicht: 21.09.2009
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