Medienkritiken
Halbstarke Hamburger taz-Beilage
Elf neue Seiten für die Studentengeneration: Anfang April fand sich in der Bundesausgabe der taz erstmals die halbstark, die abgespeckte Version eines Hamburger Campus-Magazins. Medien Monitor hat das neue Printprodukt kritisch unter die Lupe genommen.
Hamburg / Berlin. Mit der beachtlichen Auflage von bundesweit über 70.000 Exemplaren ist die halbstark gestartet. Das meiste Material stammt aus der Frühjahrsausgabe der Campus-Zeitung Injektion, die bereits seit 2005 an der Universität Hamburg erscheint. Von nun an soll das Magazin vierteljährlich als Beilage in der taz zu finden sein.
Hoher Anspruch
„Injektion“
Dominik Betz ist Journalistik-Student und Kopf eines offenen Redaktionsteams, das vor drei Jahren an der Hamburger Universität das Campus- Magazin Injektion gründete. Die Idee hatte der Fachschaftsrat, heute setzt sich das Team aus etwa 40 Studierenden verschiedener Fachbereiche zusammen. Bislang sind vier Hefte erschienen, die zwischen 38 und 132 Seiten im A5-Format umfassen. Finanziert wird das Projekt mit dem Anzeigenverkauf sowie mit Geldern der Universität und der Medienstiftung Hamburg / Schleswig-Holstein. taz-Chefin Bascha Mika entdeckte das Magazin – so entstand aus Injektion die bundesweite Beilage halbstark.
Das Titelblatt macht den Anspruch klar: Ein „junges Gesellschaftsmagazin“ möchte man sein, in dem es um „die Köpfe und Themen unserer Generation“ gehen soll. Jede Ausgabe, so die Pressemitteilung, befasst sich mit einem bestimmten Lebensgefühl. Im vorliegenden Fall steht alles im Zeichen der „Zornigen“ – die Frühjahrsausgabe der Injektion stand zuvor unter dem Motto „Wut“. Gegen das Klischee der konturlosen und angepassten Jugend wolle man mit dem neuen Magazin vorgehen, ließ der Chefredakteur vorab verlauten.
Das Editorial heißt hier „Kickstart“, allerdings zieht sich der Begrüßungstext wie zäher Kaugummi: In einer viel zu langen Abhandlung über Wut im Allgemeinen und Zorn im Besonderen verliert sich schnell jeder Leseanreiz. „Junge Autoren, junge Themen“ verspricht die Selbstdefinition – mit abgedroschenen Phrasen und Sprache auf Schülerzeitungsniveau („Aber hey“) versucht man hier vergebens, das Thema auf einer lockeren Ebene zu erklären. Einen seltsamen Kontrast dazu bilden die drei ungekürzten Strophen eines englischen Gedichts und das nachdenkliche Plädoyer für die Jugendsünde von Erich Maria Remarque.
Vielversprechend ist hingegen das Inhaltsverzeichnis. In fünf Kategorien hat sich die Redaktion dem Titelthema gewidmet. In der Rubrik „Miteinander“ berichtet eine anonyme Erzählerin von ihrer schwierigen Kindheit im Schatten einer überängstlichen Mutter – authentisch und sensibel nähert man sich hier einem schwierigen Thema, das mit der entwicklungspsychologischen Erklärung, die gleich unter dem Artikel mitgeliefert wird, auch die nötige Tiefe bietet.
Studentenschwachsinn und Maloche-Gejammer
Auf Seite vier darf sich eine Lokalikone den Zorn von der Seele schreiben. Was „Schorsch Kamerun“ in seinem Kommentar verzapft, verleiht dem akademischen Magazin bestenfalls den obligatorischen Studentenschwachsinn – aber was schreibt man nicht alles, wenn man zornig ist? Leseprobe: „Gestern war ich ein Vögelchen / Das aus dem Nest fiel / Doch dann sah ich im Spiegel / Einen wunderschönen Kuckuck“. Wen das kalt lässt, der darf sich in der Rubrik „Maloche“ über lebensnahe Schilderungen aus der Arbeitswelt erfreuen.
Vier Seiten „Sozialkunde“ handeln zum einen von Gewalt unter Jugendlichen in Hamburg und zum anderen von der deutschen Protestkultur – und was von ihr geblieben ist. Auch wenn das Thema Jugendgewalt zuletzt im hessischen Wahlkampf aktuell war, behandelt die Redaktion dieses kontroverse Thema unmittelbar und doch distanziert – die Reportage über den Hamburger Kiez wird ergänzt durch ein Feature und ein Expertengespräch. Aufwändige Recherchen lassen die drei Seiten vermuten, auf denen das Redaktionsteam der deutschen Protestbewegung nachspürt – hier lassen Zeugenaussagen ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden.
Die epische Breite setzt sich auf den Kulturseiten fort. Eine stilvolle Bebilderung bringt jedoch Bewegung in die Bleiwüste – eine Illustrationskünstlerin bekommt eine ganze Seite für ihren inszenierten Fußballzorn. Und während auf der Theaterseite über die deutsche Theaterjugend sinniert wird, ist der Selbstversuch im Auto-Kaputthauen („Car-Bashing“) ein echter Hingucker.
Im Kino-Interview geht es schließlich wieder um Gewalt, Mord und Totschlag – diesmal aber à la Ghettokarriere. Schade: Hier hat man leider das Leitthema aus den Augen verloren. Zu viel haben andere Medien bereits über die erschütternde Brutalität in den Problembezirken deutscher Großstädte geschrieben. Ein junger Regisseur, dessen Film vom Werdegang eines „Gangstas“ erzählt und Authentizität verspricht („etwa dass Handknochen mit einem Hammer zertrümmert worden sind“), unterscheidet sich leider kaum von einem Bushido, der sich in der Süddeutschen Zeitung für seine Gewalttexte rechtfertigen darf. Zwar erkennt die Interviewerin diese Parallele und hakt nach – zuletzt bleibt der Leser aber ratlos zurück und fragt sich, was er nun gelernt hat über den „Teufelskreis“ der Gewalt.
Vorbild „NEON“
Vieles an dem neuen Magazin ähnelt dem Stern-Produkt NEON – große Bilder, Themen mit Menschen, ihren Gedanken und ihrer Lebenswelt, dazu eine umgangssprachlich-illustrierende Wortwahl. „Uns gefällt NEON sehr gut“, sagt Chefredakteur Dominik Betz, der seine Zielgruppe bei den 20- bis 35-Jährigen sieht. „Der Plan war von Anfang an, den Schwerpunkt auf Kulturthemen zu legen.“
Fazit: Insgesamt gelungen
„Einen deutlichen Schwerpunkt auf Qualität“, so liest man auf der Homepage, will die Redaktion legen – fernab von lokalen Campusthemen. Das ist ein hoher Anspruch, dem die halbstark aber insgesamt gerecht wird. Feingefühl in der Themenwahl, spannende Texte und eine ansprechende Illustration sorgen dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Fakten und Hintergrundinformationen sind gezielt recherchiert und anschaulich aufbereitet worden. Dennoch: Weniger Gewalt wäre besser gewesen – obwohl Zorn und Gewalt im weitesten Sinne vielleicht ja doch zusammen gehören. Und wenn die Texte auch gelegentlich etwas zu ausführlich wirken und der Sprachstil manchmal etwas zu jugendlich-studentisch anmutet, so ist die halbstark dennoch eine lohnenswerte und unterhaltsame Studentenlektüre. Man darf also auf die nächste Ausgabe im Juli 2008 gespannt sein.
Externe Links
Homepage des Magazins halbstark
Agenturmeldung zur taz-Beilage
Text und Teaserfoto: Nils Glück
Fotos: Nils Glück (taz und Beilage); Isabel Kiesewetter (Porträtbild)
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